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Eine endlos lange Reise – Die Geschichte von Monsieur und Madame Godin

Eine endlos lange Reise – Die Geschichte von Monsieur und Madame Godin (oder: Der technologische Fortschritt bringt nicht nur Nachteile)

Kannst du Dir vorstellen, wie lange der längste „Non-Stop-Passagierflug“ der Welt dauert?

Es sind tatsächlich 19 Stunden. Dieser Flug wurde im Oktober 2019 erstmals erfolgreich durchgeführt und zwar von New York nach Sydney. Von New York nach Sydney, das ist eine Strecke von 16.200km. Unglaublich.

Wenn man sich einen Globus zur Hand nimmt und New York und Sydney sucht, kann man versuchen sich vorzustellen, welchen weiten weg ein Passagierflugzeug ohne Zwischenstopp zurücklegt. Es ist erstaunlich.

Ich fand die Nachricht vom „Non-Stop-Passagierflug“ umso erstaunlicher, weil mir dabei eine Geschichte eingefallen ist, die ich in einem meiner Lieblingsbücher gelesen habe (Explorers of the Amazon von Anthony Smith). Diese wahre Begebenheit aus dem 18. Jahrhundert zeigt ganz deutlich, dass das Reisen zu dieser Zeit ganz anderen zeitlichen Dimension hatte als heutzutage für uns. Aber auch die Kommunikationsmöglichkeiten und Flexibilität uns zu bewegen (mit dem richtigen Pass), ermöglichen uns heute eine nie dagewesene Freiheit.

In dieser Geschichte ging es um ein Ehepaar, dass „nur“ 3.500km voneinander getrennt war. Zur Überbrückung dieser Distanz und einem Wiedersehen kam es aber erst nach 21 Jahren.

Konkret ging es um einen Franzosen namens John Godin und seiner Frau Isabel.

John reiste 1735 ins heutige Ecuador ein, gemeinsam mit einem Team von französischen Wissenschaftlern. Die Expedition hatte die Aufgabe Messungen auf Höhe des Äquators durchzuführen. Zu dem damaligen Zeitpunkt gab es noch wissenschaftlichen Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Form der Erde. Die Ergebnisse der französischen Expedition im heutigen Ecuador sollten wichtige Forschungsdaten liefern. Damals war Ecuador noch Teil des Vizekönigreich Perus, eine spanische Kolonie. Franzosen in einer spanischen Kolonie waren eine bemerkenswerte Ausnahme., da Spanien, Portugal, Frankreich und England regelmäßig Krieg gegeneinander führten und die Kolonien besonders energisch geschützt wurden.

Allein diese wissenschaftliche Expedition der Franzosen hat schon 10 Jahre gedauert. Stellt Dir vor, Du sagst zu deinem Partner oder Partnerin: „Hey Schatz, ich bin dann mal die nächsten 10 Jahre auf Dienstreise.“

Auf der Expedition hat John sich in Isabel verliebt. Die beiden heirateten und kurz darauf kamen auch schon die ersten gemeinsamen Kinder zur Welt. 7 Jahre haben die beiden zusammen glücklich im heutigen Ecuador gelebt, bis John doch ein starkes Gefühl von Heimweh überkam. Er beschloss, mit seiner Familie in seine Heimat Frankreich zurückzukehren.

Eigenartiger Weise entschied John, nicht den damals üblichen Weg nach Europa anzutreten, nämlich über Kolumbien zu reisen und von dort mit einem Schiff über den Atlantik nach Europa. John suchte, aus seiner Sicht vielleicht eine Abkürzung – oder eher ein Abenteuer, man weiß es nicht hundertprozentig. Denn John entschied sich den Amazonas zudurchqueren um dann von der Ostküste des heutigen Brasiliens nach Europa übersetzen.

Und das war auch der Grund, wieso es zu der 21-jährigen Trennung zwischen John und seiner Familie kam.

Denn John entschied sich die Amazonas-Durchquerung erst einmal ohne seine Familie zumachen, da seine Frau gerade wieder schwanger war und er die Strecke erst einmal kennenlernen wollte und um bessere Vorbereitungen für seine Familie treffen zu können.

Für das zurücklegen dieser Strecke, die meiste Zeit per Schiff auf dem größten Fluss der Erde, benötigte er knapp 1 Jahr. John benötigte also 1 Jahr für eine Strecke von 3.500km!

An der Mündung des Amazonas in das atlantische Meer, also auf der anderen Seite des Kontinents angekommen, wurde ihm wohl erst klar, dass er ein großes Problem hatte. Denn John befand sich nun in portugiesischem Gebiet, dem heutigen Brasilien. Er konnte sich als Franzose also nicht mehr frei bewegen, geschweige denn den Amazonas-Fluss wieder hinaufreisen.

Nicht weit von der Mündung des Amazonas-Fluss in den Atlantik gab es damals bereits eine französische Kolonie mit dem Namen Cayenne (heutige Hauptstadt des französischen Überseedépartements Französisch-Guayana), von der aus John, unglücklich und ernüchtert nun die nächsten Schritte plante.

Das war 1750. John schrieb nun Briefe nach Frankreich, in der Hoffnung das Frankreich den Portugiesen in einem Krieg das Amazonas-Gebiet streitig machen würden. Verzweifelt schrieb er aber auch nach Lissabon, um eine Erlaubnis vom portugiesischen König zu erhalten, den Amazonas wieder hinauf reisen zu dürfen. Es tat sich aber nichts.

Diese Phase dauerte sage und schreibe 15 Jahre an! 15 Jahre lang kommunizierte dieser Mann deprimiert, ohne Ergebnis. Wir aus dem E-Mail-, Handykurznachrichten-Zeitalter können uns sowas gar nicht mehr vorstellen…

Noch unglaublicher ist, dass nach 15 Jahren, wie aus dem nichts, ein portugiesisches Schiff in Cayenne eintraf. Der König von Portugal höchstpersönlich gab den Auftrag, John durch das portugiesische Territorium zu befördern, quer durch den Amazonas bis an die Grenze der spanischen Kolonie.

Anstatt begeistert und freudetrunken und voller Hoffnung das Schiff zu betreten, verfiel John aber in tiefes Misstrauen gegenüber den Portugiesen. Da er ja in den letzten 15 Jahren versuchte einen Krieg zwischen den Königreichen Frankreich und Portugal anzuzetteln, glaubte er an einen portugiesischen Hinterhalt und schickte nach monatelangem (!) Abwägen schließlich einen Freund mit auf das Schiff, das ganze 8 Monate benötigte, bis es die Grenze der spanischen Kolonie erreichte.

Wir befinden uns nun im Jahre 1766. Also 16 Jahre nach dem John seine Frau Isabel verlassen hat, vielleicht mit einer Aussage wie: „Schatz, ich bin dann mal weg. Ich werde einen Teil unsere Route für die Reise nach Europa überprüfen und alles vorbereiten, so dass wir anschließend gemeinsam reisen können, wenn ich dich holen komme.“

Und jetzt kommt wieder eine Interessante Zahl: Bis Isabel davon erfuhr, dass ein Schiff auf sie im Amazonas an der Grenze der Kolonien wartete, vergingen noch einmal 2 Jahre! Das heißt, dass das Schiff und die Crew nun schon mehr als 3 Jahre unterwegs waren, um ihren Auftrag auszuführen.

Schließlich erreichte Isabel das Schiff, dass Sie zu ihrem Mann bringen sollte. Wie – das ist eine andere Geschichte und ein weiteres unglaubliches Abenteuer, dass hier den Rahmen sprengen würde.

Aber nach unglaublichen 21 Jahren sahen sich John und Isabel wieder, obwohl man sich ja nur für einen kurzen Moment trennen wollte.

1 Jahr dauerte Johns alleinige Durchquerung des Amazonas. 15 Jahre lang schrieb er verzweifelt Briefe. Dann ließ er das portugiesische Schiff einige Monate warten. Anschließend benötigte das Schiff 8 Monate von Cayenne bis an die Grenze der spanischen und portugiesischen Kolonie im Amazonas. Es dauerte 2 Jahre, bis Isabel von der Ankunft des Schiffs erfuhr. Bis Isabel dann an Board ging und schließlich in Cayenne eintraf, verging mindestens nochmal ein ganzes Jahr.

Ich finde, dass die Geschichte eine tolle Metapher dafür ist, wie sehr der technologische Fortschritt uns das Leben vereinfacht. Statt Jahrzehnte für eine relativ kurze Strecke auf dem gleichen Kontinent, können wir in wenigen Stunden auf die andere Seite des Globus reisen, wie der derzeit längste „Non-Stop-Passagierflug“ von New York nach Sydney gezeigt hat

Aber wie bei allen anderen technologischen Fortschritten liegt es aber auch an uns, diese gewissenhaft und nachhaltig einzusetzen.

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