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Anakondas weckt man nicht

Nach meinem ersten Ausflug am Rio Negro (meinen Blogeintrag dazu findest du hier https://loveyourworldblog.wordpress.com/2019/04/08/rio-negro-die-schwarze-schonheit/ ) will ich unbedingt mehr Zeit in der Region verbringen.

Dieses mal geht es in den Nationalpark Jaú, noch viel tiefer in die exotische Natur des Amazonas und noch viel weiter weg von der Zivilisation. Für Ausflüge in diesen Park entscheiden sich nur sehr wenige Menschen, da für die Anreise, die nur per Motorboot möglich ist, ein ganzer Tag eingeplant werden muss. Wer diese Zeit mitbringt, wird allerdings großzügig belohnt. Zum Nationalpark Jaú führen keine Straßen, Transportverbindung per Schiff oder gar per Flugzeug auch nicht. Im Nationalpark leben nur einige Parkwächter, so wie „Caboclos„, Nachkommen der Indigenen und Portugiesen. „Maniok, Fisch und die Natur, das ist alles was wir Caboclos brauchen“, sagt mir mein Guide Valmir. Die Familien, die schon vor der Gründung des Nationalparks dort gewohnt haben, haben das Recht weiterhin in diesem geschützten Gebiet zu leben.

Überschwämmter Wald im Nationalpark

Schwimmen in Amazonas-Gewässern

Das Highlight unseres Aufenthalts im Nationalpark ist definitiv die gewaltige Anakonda, die wir während einer Wanderung an einem kleinen Bach entdecken. Dies geschieht am zweiten Tag unserer Tour. Zuerst sind wir vormittags am Rio Carabinani, tief im Nationalpark Jaú, und tun wieder das, was man angeblich nicht machen sollte. Wir gehen schwimmen. Mitten auf dem Fluss steht ein riesiger Felsen, der knapp 10m aus dem Wasser ragt. Das Wasser ist hier bis zu 15m tief. In der Regenzeit verschwindet der Felsen komplett unter dem Flusswasser, genauso alle umliegeden Wälder. Ich kann mir diese Wassermengen und die Veränderung der Landschaft überhaupt nicht vorstellen.

Der Fluss steigt in der Regenzeit über die Felsen bis zu den Baumkronen an

Wir halten hier, ich denke erst um eine kleine Pause zu machen. Valmir allerdings verschwindet kurz und kommt schelmig lachend nur in Badehose bekleidet zurück, klettert auf den Felsen und springt laut schreiend in den Fluss. Wow.

Obwohl ich einige Bedenke habe, überkommt mich die große Lust, es Valmir nachzumachen. Es ist heiß und schwül, eine Abkühlung wäre auf jeden Fall sinnvoll und ein Sprung aus ca. 10m Höhe sehr reizvoll. Das Wasser ist allerdings so dunkel, das man weder erkennt, wie tief es tatsächlich ist, noch was sich alles im Wasser tummelt. Dass es hier Piranhas gibt, ist klar, aber wie ich bereits gelernt habe, tun die eigentlich nichts… Und schwimmen war ich auch schon in Gewässern mit Piranhas. Ohne weiter nachzudenken, klettere ich auch auf den Felsen, atme tief ein, schaue mich um und genieße den Ausblick. Vor einigen Monaten hätte ich mir solch einen Moment nicht vorstellen können. Mir gehen plötzlich viele Gedanken durch den Kopf. Bevor sich Bilder der Angst und des Zweifels bilden, denke ich, man erlebt diesen einmaligen Moment nur einmal und springe.

Ich knalle auf die Wasseroberfläche auf und werde tief nach unten gezogen. Wasser dringt durch die Nase in meinen Kopf ein. Explosionsartig fange ich an mit meinen Armen zu kraulen und versuche an die Wasseroberfläche zu gelangen. Ich realisiere, wie tief ich in das Wasser eingetaucht bin, drücke Luft aus meinen Lungen und treibe allmählich nach oben. Geschafft. Ich paddle zurück an den Felsen, klettere vorsichtig am Vorsprung entlang und stehe wieder oben auf einer ebenen Fläche. Ich atme aufgeregt und habe ein riesiges Grinsen im Gesicht. Wow, das war so überragend, dass ich gleich nochmal auf die Spitze des Felsens kletter und springe. Wer hätte gedacht, dass ich mit solch einem Vergnügen in einem Fluß im Amazonas schwimmen gehen würde?

Auf dem WEG ZUR SCHLANGE

Wir genießen noch einige Zeit das kühlende Wasser und bevor wir mit dem Boot weiter stromaufwärts fahren. Wir wollen ca. 1km weiter an Land gehen, um ein Stück durch den Dschungel zu wandern und uns einen Wasserfall anzuschauen. Dazu müssen wir allerdings eine Flussbettbreite Stromschnelle überwinden. Valmir ist im Handling seines Bootes ein absoluter Profi. Wir sind bereits in Abschnitte des überfluteten Waldes gefahren. Durch den Regen und die ansteigenden Flüsse ergeben sich so Kanäle, wo man sonst lang laufen kann. Umgestürtzte Bäume, versperrte Wege, ins Boot fallende Spinnen, alles war bisher kein Problem. Allerdings erscheint die Lage heute aussichtslos. Wir machen mehrere Versuche um über die Stromschnelle hinweg zukommen, die Strömung ist aber zu stark und an vielen Stellen zu steil – wahrscheinlich weil die Regenzeit schon eingesetzt hat. Wir halten also kurz vor der Stromschnelle und laufen einen Weg durch den Urwald, den Valmir in der Regel nicht nutzt.

Ein wunderschöner Schock

Nachdem wir mit dem Boot angelegt haben, tauchen wir auch schon in den grünen Urwald ein. Der Boden ist übersäht mit Laub, und dicken Wurzeln, die sich durch den Grund ziehen. Man muss achtsam sein und aufpassen wo man hintritt. Der Boden ist matschig, es gibt Ameisenstraßen und Termitenhaufen, Vogelspinnen können sich auch auf dem Weg befinden, genauso wie Schlangen. Von den Bäumen hängen Lilianen zum Boden, denen ich ausweiche. Es ist nass und meine Schuhe sind teils unter Wasser. Valmir und seine Frau, die uns auf dieser Tour begeleitet, laufen lediglich in Flip-Flops. Mir hat er es aber abgeraten 🙂 . Nach einigen hundert Metern befindet sich ein zwei Meter breiter Graben vor uns. Auf einigen rutschigen Felsen und mit Hilfe der Lilianen hangeln wir uns auf die andere Seite.

Dort horscht Valmir plötzlich auf. Er flüstert aufgeregt „Ariranha, Ariranha!“ und pirscht vorsichtig dem Lauf eines Baches entlang. Ariranhas sind Riesenotter, die bis zu zwei Meter lang werden und ca. 2kg Fisch pro Tag verschlingen. Jetzt vernehme ich das Quieken auch. Es scheinen mehrere Tiere zu sein, die sehr laut sind und ganz in der Nähe zu sein scheinen. Das Wasser des Bachs verläuft hier durch riesige Felsen, daher entspricht der Wasserlauf einer Lichtung, die wie eine enge Schneise inmitten des Urwaldes liegt. Wir müssen vorsichtig die Felsen entlang klettern, um zu Valmir aufzuschließen. Er ist völlig darauf fixiert die Otter ausfindig zu machen. Seine Frau, direkt hinter mir, schreit plötzlich auf und zeigt auf einen Felsen einige Meter neben uns. Valmir reagiert nicht und ich erkenne nicht sofort, was sie meint. Wegen ihrer großen Augen und nervösen Atmens merke ich aber, dass etwas nicht stimmt und schau mich nochmal genau um. Dann erkenne ich es auch und bleibe wie angewurzelt stehen. Erst jetzt, wo Valmir unsere Reaktion wahrnimmt, kommt er zurück und bemerkt schließlich auch den Grund für die aufgeregt quiekenden Otter. Denn da befindet sich eine riesige Anakonda, die in der Sonne liegt und sich eine Siesta gönnt.

Den Kopf können wir erst nicht sehen, da er versteckt in dem eingerollten Körper liegt. Dicke schwarze Fliegen laufen auf der glitschigen Haut der Schlange. Wir sind für einen kurzen Moment in einer Schockstarre. Natürlich hofft man, solch ein Tier in der freien Wildnis anzutreffen. Aber jetzt ist es wirklich so weit. Gemischt Gefühle steigen in mir auf. Neugier, Freude, Besorgnis, Anspannung… Man spürt deutlich die Gegenwart dieses Geschöpfs. Mit ihren mindestens 6m Länge, könnte die Anaconda einen Menschen problemlos verschlingen. Aus sicherer Entfernung machen wir einige Fotos und Videos, bis die Schlange letzlich aufwacht. Das diese Situation für meinen Guide etwas besonderes ist, merke ich, weil er auch aufgeregt einige Fotos schießt. Als die Schlange aufwacht und uns mit ihrer Zunge wittert, verschwinden wir lieber.

Nach einem weitern Bad in einem Fluss laufen wir den Weg zurück, an dem wir vorher die Anakonda gesehen haben. Eigentlich ging Valmir davon aus, dass die Schlange noch da liegt und schläft, weil sie seiner Meinung nach kurz vorher etwas gegessen hat. Als wir die Schlange aber nicht da sehen, wo wir sie vorgefunden haben, steigt der Adrenalinspiegel kurzzeitig bei uns allen extrem an, und wir machen uns so schnell wie möglich auf den Rückweg zu unserem Motorboot.

Über den Aufenthalt im Nationalpark Jaú habe ich auch hier einen kurzen Bericht verfasst: https://www.aventoura.de/blog/der-nationalpark-jau-am-rio-negro-riesenotter-kaimane-und-eine-anakonda/

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