Kolumbien Pazifik Regenwald Reisebericht

El Choco – Kolumbiens gemiedene Perle

…einiges vorweg:

Durch mein Interesse an der einzigartigen Natur der Subtropen, der Afro-Kultur in Lateinamerika und dem Reisen allgemein, bin ich vor 2-3 Jahren auf eine Website einer Eco- Lodge gestoßen, die sich an der Pazifikküste Kolumbiens im Departamento Choco befindet.

Bei vielen Menschen klingeln jetzt die Alarmglocken: Kolumbien? Pazifikküste Kolumbiens? Choco?

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Viele Menschen außerhalb Lateinamerikas haben große Vorurteile gegenüber Kolumbien. Durch geistlose TV- Serien und die nicht zu leugnende Geschichte des Landes glauben viele unserer Mitmenschen ein reales Bild von diesem Land zu haben. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes in den letzten Jahren hat eine relativ breite Mittelschicht hervorgebracht, welche zu sinkenden Kriminalitätsraten geführt hat. Das Friedensabkommen mit der FARC ist nicht unumstritten, hat aber mit Sicherheit einen Beitrag zur positiven Entwicklung des Landes geleistet. Medellin, vor Jahrzehnten eine außerordentlich gefährliche Stadt, ist heutztage ein Highlight für die Touristen, die in immer größeren Zahlen ins Land strömen. Und für viele kolumbianische und ausländische Unternehmen ist Medellin der Hauptfirmensitz.

Zurück zu den Alarmglocken: Viele Kolumbianer habe keinen Bezug zur Pazifikküste und schon gar nicht zum Choco. Die meisten waren nie selbst in dieser Region und verbinden diese mit Gewalt, Drogen, Armut und einer ihnen befremdlichen Kultur.

Die Pazifikküste ist relativ unerschlossen. Vier Departamentos von den 32, aus denen Kolumbien besteht, liegen am Pazifik. Choco hat jedoch das Alleinstellungsmerkmal, auch Zugang zur Karibikküste und somit zum Atlantik zu haben. Aber das ist nicht die einzige Besonderheit dieser Region. Choco gehört zu den niederschlagreichsten und artenreichsten Regionen unseres Planeten.  Im Durchschnitt fallen in Quibdo, der Hauptstadt Chocos, ca. 9.000mm Regen pro Jahr. Zum Vergleich, in Hamburg sind ca. 700mm. Viele Tierarten, die es im Choco gibt, sind endemisch, man kann diese also nur hier finden und nicht irgendwo anders auf dieser Erde. Das Highlight schlechthin sind jedoch die Wale! Jedes Jahr, von Juni bis November wandern vorallem Buckelwale über Tausende von Kilometern, um hier vor der Pazifikküste Kolumbiens, ihren Nachwuchs auf die Welt zu bringen.

Eine weitere Besonderheit sind die Goldvorkommen, die für viele Menschen und die Umwelt jedoch eher Fluch als Segen sind.

Die sich von den anderen Teilen Kolumbiens unterscheidende Kultur kann man natürlich auch in der Musik wahrnehmen. Kolumbien ist gespickt mit unterschiedlichen Musikrichtungen. Salsa, Merengue, Reggaeton und Bachata kennen die meisten mit Sicherheit. Was Vallenato ist und wie populär diese Musik in Kolumbien ist, stellt man meist aber erst vor Ort fest. Ähnlich verhält es sich mit Cumbia. Dazu kommen noch je nach Region Salsa Choke, Champeta, Reggae, Llanera und viele viele mehr. Ein an der Pazifikküste oft verwendetes Instrument ist die Marimba, die an ein balafon bzw. Xylophone erinnert. Dieses Instrument verleiht der Musik einen typischen Klang, den man direkt mit der Region in Verbindung bringt. Sehenswert sind definitv auch die regionalen Festivals, wie zum Beispiel Petronio Alvarez oder San Pacho. 

Tag 1

Endlich geht es los. Die Idee zur Lodge El Amargal zu reisen habe ich schon mehrere Jahre, nun ist der Tag gekommen, an dem ich tatsächlich einen meiner Träume verwirkliche. Die Reise beginnt am Flughafen für Inlandsreisen, welcher Mitten in Medellin platziert ist. Mit dem Taxi brauche ich von meiner Unterkunft nur wenige Minuten dahin. Am Check- In-Schalter werde ich erst einmal rausgewunken: Obwohl der Flieger nach Nuqui in 1,5h startet, werden in aller Ruhe erst andere Flüge abgewickelt. Als ich an der Reihe bin, geht es recht zügig. Das einzige was mir auffällt, ist, dass ich mich mit auf die Gepäckwaage stellen muss – aus welchen Gründen auch immer…

Nach der Sicherheitskontrolle warte ich ungeduldig auf den Flug. Den Flughafen kenne ich recht gut, da während der Feria de las Flores hier viele Konzerte stattfanden. Außerdem habe ich in unmitterlbarer Nähe zum Flughafen gewohnt und ich kann auf jeden Fall bestätigen, dass kleine Propellerflugzeuge enormen Lärm machen können.

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Nach ca. einer halben Stunde werde ich und 9 weitere Personen zum Rollfeld gebeten. Ein Mitarbeiter bringt uns zu einer der kleinen Maschinen. Kurz nach dem Einsteigen und ohne viele Worte setzt der Kapitän das Flugzeug auf das Rollfeld. Stewards gibt es in solch einer kleinen Maschine nicht. Es geht also los.

Es ist zwar etwas bewölkt, aber wir haben eine atemberaubende Aussicht auf Medellin. Nach dem ich die Stadt aus den Augen verloren habe, bleibt die Sicht weiterhin atemberaubend. Wir überfliegen die westlichen Kordilleren, die aufgrund ihrer Höhe hier grün sind. Ich beobachte ein auf und ab von Hügeln und Tälern.

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Nach circa 30min sehe ich, dass sich in Flugrichtung unter (!) uns eine dichte Wolkendecke befinden wird, obwohl sich in diesem Moment die Wolken über uns befinden und unter uns die farbenfrohen Berge. Es sieht aus wie eine abrupte, übergangslose Veränderung. Dieser Moment ist einzigartig. Hier fallen die Anden also ab ins Tiefland, mit einem gewaltigen Bruch in der Landschaft. Nach einigen Minuten sinken auch wir ab und durchbrechen schließlich die dicke Wolkenschicht. Die Landschaft hat sich urplötzlich verändert. Anstatt den Bergen sehe ich nur noch dicht bewachsenen Regenwald. Dies ist eine von vielen einzigartigen Momenten auf dieser fünftätigen Reise. Einige Minuten später folgt der nächste: Wir näheren uns dem Pazifik und überfliegen eine Flußmündung, im Hintergrund ist die kleine Flugbahn zwischen den Bäumen zu erkennen. Das petrol- grünblaue Meer macht einen sehr ruhigen Eindruck, die am Strand brechenden Wellen sind sehr gleichmäßig.

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Landung

Die Landung auf der kurzen Landebahn erfolgt ohne Probleme und ich bin froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Kinder auf den Zäunen des Rollfeldes begrüßen die gelandete Maschine. Neben unserem Flugzeug befinden sich noch zwei weitere Kleinflugzeuge. Als ich aussteige und einatme, bin ich überwältigt. Vielleicht liegt es an den zwei Wochen in der 8 Millionen Stadt Bogota oder den darauffolgenden 2 Wochen in der 3 Millionen Stadt Medellin. Die Luft in Nuqui richt auffallend anders. So genau kann ich es gar nicht beschreiben, aber auf jeden Fall etwas nach frisch zu bereiteten Fisch. Urwald, Meer. Die Luft scheint hier wohl auch sehr sauber zu sein, da es hier wohl so gut wie keine Autos gibt. Jedenfalls habe ich keines gesehen. Auf dem Flugfeld finden auch einige Bauarbeiten statt. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Flugverkehr hier – in welcher Form auch immer- in naher Zukunft drastisch zunehmen wird.

In dem kleinen Häuschen, in dem der Flughafen betrieben wird, werden meine Personalien aufgenommen. Anschließend gehe ich zur Touristeninformation, ich soll dort nach einem Typen namens Yesidd fragen. Er wird mich zur Lodge bringen. Nach dem ich 8.000 Pesos Touristensteuer gezahlt habe, treibt eine hilfsbereite Dame Yesidd auf. Yesidd mach einen sehr freundlichen Eindruck, allerdings habe ich große Probelme ihn zu verstehen, wie so viele Leute hier im Choco. Vielleicht bilde ich mir das ein, aber die Betonung erinnert eher an westafrikanische Sprachen, als an Spanisch. Yesidd bringt mich zum Hafen, welcher eigentliche eine Anlegestelle ist, und ca. 500m Fußmarsch vom Flughafen entfernt ist. Dort verstaut er meinen Rucksack in seinem Boot unter einer großen schwarzen Plastikplane. Dies ist ein Anzeichen dafür, dass die Bootsfahrt etwas feucht und holprig werden könnte. Yesidd sagt mir, dass ich in zwei Stunden wiederkommen soll, da er vorher nicht abfährt. Er betreibt quasi ein Transport für die Dörfer an der Küste und bricht Montag bis Samstag morgens um 6 auf und fährt von Nuqui um 13 Uhr zurück. Wie dem auch sei, ich habe jetzt etwas Zeit um den Ort zu erkunden.

Nuquì

Auf dem Weg zurück zur „Hauptstraße“ kommen mir drei Indigene entgegen, die schwerste Lasten scheinbar problemlos und blitzschnell barfuß über die Straße befördern. Alle anderen Menschen die mir entegenkommen sind Afrokolumbianer. Während der Sklavenzeit versuchten viele Cimarrones (entkommene Sklaven) an der nicht kolonalisierten Pazifikküste sich eine neues Leben aufzubauen, nach der Sklavenzeit kamen viele afrikanisch-Stämmige dazu. Ich laufe die Straße einmal ab bis runter zum Strand, aber zu meiner Enttäuschung sehe ich nichts interessantes.

Daher setzte ich mich vor ein Kiosk direkt an dem Hauptweg, neben dem Flughafen. Es ist ca. 12 Uhr mittags und das Dorfleben ist im vollen Gange. Polizisten kommen zu zweit auf einem Roller vorbei. Nach kurzer Diskussion mit einem Passanten übernimmt der Passant den Roller und die Polizisten laufen zu Fuß weiter. Vallenato Musik dröhnt lautstark aus den Lautsprechern des Imbisses neben an. Neben dem Imbiss schaufeln zwei Jungs eine Schubkarre mit Kies und Sand voll. Während ihr Kollege die vollen Ladungen wegbringt, gönnen sich die beiden immer ein Schlückchen Aguadiente. Wieder taucht der Typ mit dem Roller auf. Nun hat er einen Beifahrer dabei, der während der Fahrt ein großes, frisches Stück Fleisch mit seiner rechten Hand balanziert. Die beiden machen Halt vor dem Imbiss, in dem ich sitze, und diskutieren kurz mit dem Inhaber. Dieser gewährt Ihnen dann kurz seine Waage zu benutzen. Die beiden machen schnell ein paar Notizen und fahren weiter. Komisch, der „Fleischer“ erinnert mich an einen Gastgeber, den ich mal in Kuba hatte – dunkler Hauttain und Haare und extrem hellblaue Augen…

12.30Uhr. Ich habe keine Lust mehr zu warten. Es ist heiß und sehr schwül. Ich mache mich auf zum Hafen. Dort ist einiges los. Yesidds Boot wird gerade vollgepackt mit allerlei Kartons, Tüten, und Früchten. Nahe dem Steg fährt jemand in einem handgefertigten Kanu vorbei. Ich warte geduldig, doch langsam werden auch die Sitzmöglichkeiten rar. Als immer mehr und mehr Leute am Steg auftauchen, kletter ich auch ins Boot. Und dann geht es auch schon los, nach dem die letzten Nachzügler sich ins Boot gequetscht haben und die letzten Tüten noch angereicht werden.

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Bootsfahrt zur Eco- Lodge

Wir verlassen den Hafen über einen kleinen Fluß ins offene Meer. Dabei sehe ich Anlegestellen von Häusern auf Stelzen, einige verkaufen Benzin. Auf dem offenen Meer gibt unser Fahrer richtig Gas. Ich werde ordentlich durchgeschaukelt, die Leute links und rechts von mir werden richtig naß. Die Küste ist so gut wie nicht bewohnt. Der Dschungel drängt sich bis an den Strand. Es sieht irgendwie mysteriös aus. Nach einiger Zeit halten wir an zwei Lodges, die einzigen anderen Touristen an Board steigen aus. Nun geht es weiter Richtung Arusì, einem 300 Menschen Dorf, ca. 20km von Nuquì entfernt. Hier steigen alle aus und das gesamte Cargo wird gelöscht. Viele Leute drängen sich um das Boot, um die Güter in Empfang zu nehmen. Ich würde auch gerne aussteigen, da Bootsfahrten auf dem Meer nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehören. El Amargal befindet sich  allerdings nochmal 10km hinter dem regulären letzten Bootsstop.

Aber in der Regel lohnt sich jede Überwindung. Gerade als wir Arusì verlassen und etwas weiter auf dem offenen Meer sind, macht mich Yesidds Helfer, der am Bug des Boots die Lage prüft auf etwas aufmerksam. Ich verstehe zuerst nicht was er meint und fühle mich auch nicht danach, mich groß zu bewegen. Durch das auf und ab ist mir mittlerweile etwas schlecht. Aber dann sehe ich es: Einige Meter von uns entfernt taucht ein Wal aus dem Nichts auf. Wow, was für ein majestetischer Anblick! Aber anscheind interessiert die beiden Bootsführer das nicht und wir hasten weiter krachend über das Meer in Richtung El Amaragal. Mir geht es plötzlich wieder gut, aber ich bekomme den Wal nicht mehr zu sehen.

Knapp eine halbe Stunde später erreichen wir eine 200m große Bucht und setzen sanft an Land. Ich springe ins klare, Knie hohe Wasser. Es kommen mir zwei Männer entgegengelaufen. Es sind Jess und Juan, meine Gastgeber für die nächsten Tage. Die beiden diskutieren kurz über eine Abholung am Samstag, da mein Flieger da um 10.45Uhr morgens startet. Yesidd hat fixe Zeiten bei seiner Route und erklärt, dass er mich fahren könne, allerdings müsste ich dann um 5.30 morgens bereit stehen und anschließend knapp drei Stunden auf das Flugzeug in Nuquì warten. Wir verabschieden uns von Yesidd und Juan erklärt mir, dass er versuchen wird, ein Charter-Boot aufzutreiben. Dies würde zwar etwas mehr Kosten, aber zumindest würde ich dann erst gegen 8Uhr abgeholt.

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Ankunf in El Amargal

Ich bin also endlich angekommen. Es ist gerade Ebbe und wir laufen über feinen dunklen Sand in Richtung der steilen Küste, die unmittelbar in den Regenwald überzugehen scheint. Zwischen den Bäumen sehe ich oberhalb drei unterschiedlich große Holzhütten, eine mit einem roten Dach. An der steilen Böschung begrüßt uns ein Schild mit der Aufschrift “ Estación biologica – El Amargal“.

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Wir laufen eine verwitterte, steile Holztreppe zwischen dichten Baum- und Pflanzenwuchs hinauf und stehen anschließend vor den Hütten. Die rechte Hütte, mit dem roten Dach scheint die kleinste zu sein. Wie alle anderen steht diese auf Stelzen und wird über eine Treppe betreten. Auf der Veranda hängt eine bunte Hängematte. Rechts von der Hütte fließt ein Bach, der unten schließlich im Meer mündet. Es gibt hier viele Bäche, die sich durch den Wald ziehen und dann ins Meer fließen. Wie ich erfahre, wurde für diese Station eine Frischwasserquelle angezapft, aus der das gesamte Nutz- und Trinkwasser bezogen wird. Die mittlere und größte Hütte wird von den Gästen bewohnt. Die Hütte ist verwinkelt gebaut. Sie verfügt über 3 Etagen mit mehreren Abschnitten, wo sich die Betten oder offene Räume mit Meeres- oder Dschungelblick befinden. Alles ist offen, Fenster gibt es hier nicht. Verbunden mit dieser Hütte sind zwei aus Muscheln und Steinen aufgetürmten „Räume“, die Männer- und Frauen- Badezimmer. Diese bestehen aus einem Waschbecken, WC und einem hölzernem Rohr, aus dem das frische Quellwasser für die Dusche fließt. In der linken Hütte befindet sich die Küche und ein Esstisch. Von hier aus hat man beim Kochen oder Essen einen großartigen Blick auf die Bucht und das offene Meer. Zur Selbsterversorgung werden Yucca, Bananen, Ananas, Guanabana, Limetten und vieles mehr angebaut.

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Ich bin ganz schon fertig und freue mich, da es Mittagessen gibt. Bei Kokosreis und Fisch habe ich endlich die Gelegenheit, mich mit Juan auszutauschen. Juan arbeitet erst seit zwei Monaten in der Lodge. Er kommt aus Bogota, ein „rolo“ also, wie die Leute aus der Haupstadt hier genannt werden. Er hat mit einer Kryptowährung etwas Geld verdient und dann seinen Schreibtisch- Job kündigt. Jetzt verwirklicht er seine Träume und hilft, die einzigartige Natur Kolumbiens und unseres Planeten zu schützen. Er hilft Jess beim Betrieb, Instandhaltung und Schutz des 40ha großen Areals. Jess hat schon in den 90er Jahren hier gearbeitet, als noch Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen regelmäßig zur Feldforschung angereist sind. Aus verschiedenen Gründen haben diese Forschungsaktivitäten gestoppt. Durch einen Sturm sind auch die alten Hütten zerstört wurden, so dass Jess Anfang des Jahres 2000 die neuen Hütten alleine gebaut hat. Seitdem gehört ihm das gesamte Gebiet. Er kommt aus Arusì und kennt sich hier bestens aus. Er hat auch einige Jahre hier komplett alleine gelebt und viele unglaublich interssante Geschichten zu erzählen, u.a. über chinesische Flüchtlinge, angeschwemmte Drogenpakete, seltene Tiere, Bootsunfälle und Geister, die regelmäßig die Eco- Lodge aufsuchen.

Nach dem Essen wird mir mein Schlafplatz gezeigt. Ich werde im obersten Stockwerk übernachten. Mein Matratze befindet sich unter einem am Querdach aufgespannten Moskitonetz. Dass Bett befindet sich in einer Nische und ist somit vom Wind geschützt, so dass der Blick aufs Meer verspeert ist, ich kann vom Bett aus aber in den Dschungel gucken. Auf einer erhöhten Ebene neben  meinem Bett befindet sich eine andere Matratze, der Schlafplatz bleibt aber ungenutzt. Vor meiner Anreise habe ich mich erkundigt, ob es hier viele Moskitos gibt. Die Antwort war „nein, eigentlich so gut wie keine“. Die Moskitionetze haben hier einen anderen Zweck. Die Netze bieten Schutz vor Vampirfledermäusen, die sich nachts vom Blut anderer Säugetiere, also auch Menschen, ernähren. Ich bin etwas beunruhigt. Am besten sollte ich einfach nicht weiter darüber nachdenken…

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Nachdem ich meine Sachen abegelegt habe, kehre ich zurück zur Veranda und lerne Jean kennen. Er ist Franzose und mir der einzige andere Gast der Eco- Lodge. Er sollte eigentlich schon längst wieder in Frankreich sein. Als er durch einen Freund von diesem einzigartigen Ort gehört hat, hat er kurzer Hand seinen Flug umgebucht und eine extra Woche an seinen Urlaub angehängt. Er wird es definitiv nicht bereuen.

Unerwarteter Besuch

Während wir uns unterhalten, schauen unsere beiden Gastgeber mittels Fernglas aufs Meer. Ein voll besetztes Motorboot fährt in unsere Richtung. Jess geht erst von Touristen aus, dann schätzt er es ist die Polizei. Etwas Unruhe kommt auf. Einige Minuten später stehen schwer bewaffnete Soldaten vor der Hütte und vordern uns auf, langsam nach draußen zu treten. Die Situation ist etwas angespannt. Mehrere Soldaten haben ihre Maschinenpistolen griffbereit und den Zeigefinger am Abzug. Schwer bewaffnete Miltärs oder Polizisten sieht man in Kolumbien hin und wieder und ich hatte immer einen professionellen Eindruck von ihnen. Daher bin ich relativ entspannt. Nach dem wir uns vorgestellt haben entspannt sich die Situation. Die Männer sind ziemlich am pumpen und freuen sich über die frisch gepresste Limonade, die Juan ihnen anbietet. Jess wird allerdings noch weiter ausführlich befragt. Da die Küste entlag Richtung Panama und den USA viele Drogen geschmuggelt werden, ist das Militär ab und zu hier unterwegs.  Jean, Juan und ich dürfen gehen.

Wir machen uns auf den Weg zu einer „Nachbarin“, um ein Kayak aus zu leihen. Es werden hier zwar viele Wal-Besichtigungs-Touren angeboten, wir wollen aber keinen Beitrag dazu leisten. Unser Plan ist alleine aufs offene Meer zu paddeln, um so das einmalige Erlebnis der Walbeobachtung auf den Höhepunkt zu treiben. Als wir am Ende der Bucht angekommen sind, erkenne ich zwischen den Bäumen eine sehr steile Holztreppe. Hier scheint also tatsächlich noch jemand zu leben. Das Treppen steigen zwischen der dichten Vegetation gibt Jean und mir schonmal eine Vorgeschmack auf unsere Dschungelwanderung, welche wir für Donnerstag planen. Oben angekommen finden wir eine ebene Rasenfläche vor. Darauf steht eine Hütte, die an aufeinander gestapelte Keksdosen erinnert, allerdings komplett offen und ohne Seitenwände. Die Nachbarin ist Französin und hat früher für die Forschungsstation gearbeitet. Anschließend wollte sie nicht mehr hier weg und hat sich dieses Heim geschaffen. Nach einer kurzen Unterhaltung ziehen wir mit dem Kayak ab. Jean wird das Kayak diesen Nachmittag nutzen, Morgen bin ich dann dran. Unten am Strand angekommen sehen wir, dass die Soldaten immernoch da sind. Sie scheinen ein Problem zuhaben. Der Außenboardmotor springt nicht mehr an. Während ich etwas schwimmen gehe (allerdings nicht zu tief, da es hier auch Haie gibt) und mich am Skimboard von Juan probiere, kommen die Soldaten mit der Reparatur nicht weiter. Aus irgendeinem Grund können Sie auch keinen Kontakt zu ihrer Basis aufnehmen.

Später beobachte ich die Soldaten von der Lodge aus und sehe auf dem Meer ab und an Wale aus dem Wasser springen. Was für ein Glück ich habe an solch einem Ort zu sein.

Kurz vor der Dämmerung kommt Jean zurück. Er ist begeistert und erzählt überschwänglich, dass er mehrere Wale direkt am Kayak gesehen hat. Er strahlt über das ganze Gesicht und ich freue mich auf den morgigen Tag. Mittlerweile ist es schon dunkel. In der Lodge gibt es nur einige LED-Streifen, die zumindest etwas Licht machen. Zur Zeit verfügt die Lodge nur über etwas Solarstrom, welches in einer Batterie gespeichert werden kann. Dies reicht aber gerade für die rare Beleuchtung aus und für das Betreiben einer Satellitenschüssel, mit der manchmal für einige Minuten Internetempfang möglich ist. Während wir Fisch und Reis zu Abend essen, sehen wir unten am Wasser einige Lichtstrahlen von Taschlampen. Erst als wir mit dem Essen fertig sind, scheint das Motorenproblem der Soldaten gelöst zu sein. Wir sind froh, die Nacht nicht mit den Soldaten verbringen zumüssen und gehen ins Bett.

Tag 2

Ich bin froh, dass die Nacht vorbei ist. Die Nacht war verdammt lang, da wir relativ früh schlafen gegeangen sind. Ich bin mehrmals aufgewacht und habe aufgrund totaler Finsternis nichts gesehen. Obwohl wir hier so abgeschieden sind, ist es nachts sehr laut. Die Brandung scheint nachts lauter zu sein als am Tag. Mehr und mehr Tiere und Insekten konkurrieren mit Ihren Gesängen und Geräuschen umso dunkler es wird.  Irgendwie erinnert das an eine schrille Technoparty.

Jetzt streifen endlich wieder die ersten Sonnenstrahlen übers Dach und ich liege ich unter meinem Mosiktonetz und blicke in den Wald. Nach ein paar Minuten nehme ich einen Geruch von fritierten Eiern war und bemerke, dass ich ganz schön Hunger habe. Zum Glück scheint es jetzt Frühstück zu geben.

Ich krieche mit Vorsicht unter meinem Mosiktonetz hervor und suche mein Bett und den Boden nach Insekten ab, die sich nachts hierher verirrt haben könnten. Anschließend klopfe ich meine Schuhe aus und schlüpfe hinein. Dann ergreife ich meine Shorts, die ich am Abend vorher an einem Haken aufgehängt habe. In weiser Voraussicht schüttle ich diese erst einmal aus. Im nächsten Moment fällt eine dunkel schwarze Spinne aus dem Hosenbein und verschwindet zwischen den Lücken des Holzbodens. Glück gehabt. Ab jetzt verstaue ich meine Klamotten und meinen Rucksack nur noch unter dem Moskitnetz meines Bettes.

Auf Walsuche

Nach dem Frühstück gehe ich runter zum Strand und schnappe mir das Kayak, das wir über Nacht bei uns behalten haben. Da der Wellengang niederig ist, komme ich mit dem Kayak ohne Probleme ins Wasser und padele los. Ich probiere mein Glück erst nördlich und paddele aufs offene Meer. Ungeduldig suche ich das Meer ab. Gestern habe ich sehr viele Wale aus der Entfernug sehen können, aber heute erkenne ich nichts. Keine Dampfwolke von ausatmenden Walen, keine Flossen und auch keine Sprünge. Ich habe viel Geduld, selbst am Horizont lässt sich aber nichts erkennen. Nach einiger Zeit paddele ich in Richtung Süden, zum anderen Ende der Bucht und darüber hinaus. Auch hier lässt sich nichts erkennen. Komisch, obwohl gestern so viel los war…Ich paddele nocheinmal in Richtung Norden und zurück nach Süden. Die Flut hat schon längst wieder eingesetzt und die Mittagssonne brennt aufmeiner Haut. Zum Glück habe ich mein Baseball- Cap an. Nach ca. drei Stunden entscheide ich mich, zurück zum Strand zu fahren. Der Wellengang ist deutlich kräftiger als am Morgen und ich habe einige Probleme, nicht umzukippen. Kurz vor dem Strand erwischt mich dann doch eine Welle und ich werde mit dem Kayak mitgerissen, durchgeschüttelt und schließlich kentert das Boot. Meine Cap sehe ich danach nicht mehr wieder.

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Nachdem Mittagesssen Döse ich nur noch in der Hängematte rum. Ab und an Blicke ich von meinem Buch auf. Einige Kolibiris fliegen um die Pflanzen herum. Ich schaue aufs Meer und sehe nun doch wieder die Silhouetten von einigen Walen. Nachmittags und abends scheint also ein besser Zeitraum für die Beobachtung zu sein. Zum Abendessen gibt es wieder Fisch, diesemal in Empanadas und dazu heißen Kakao. Vor dem Schlafen gehen spielen wir noch einge Runden Karten und hören interessante Geschichten, die Jess in der Vergangenheit hier erlebt hat.

Die Nacht wird sehr lang. Es donnert und blitzt ständig und der Regen fällt wie aus Eimern aus den Wolken. Dazu pfeift noch ein starker Wind durch die Hütte. Ich finde nur wenig Schlaf und wache ständig auf. Mit dem Sonnenaufgang schwächt der Sturm allmählich ab. Ich bin froh, dass die Nacht vorbei ist.

Tag 3

Es ist 6.30Uhr. Jess ist schon dabei, dass Frühstück zu zubereiten. Um 7Uhr wollen wir, Jess, Jean und ich, durch den Regenwald nach Arusi wandern. Wir essen schnell etwas und machen uns dann fertig für den Weg. Von Jess bekommen Jean und ich Knie hohe Gummistiefel, die uns wohl nicht nur vor Schlamm, sondern auch vor giftigen Tieren schützen sollen. Wir brechen auf. Der dichte Wald fängt unmittelbar hinter dem Haus an. Durch einen steilen, unebenen Weg klettern wir die ersten 15 Minuten bergauf. Dabei kämfen wir uns durch eine dichte Pflanzenwelt. Ich bin jetzt schon stark am schwitzen, da ich eine lange Hose und eine Regenjacke an habe. Der Wald wird immer dichter. Jess schreitet in einem enormen Tempo voran. Mal geht es steil abwärts, dann wieder aufwärts. Ich muss mich konzentrieren, um nicht ab bzw. auszurutschen. Der Weg wird noch schwieriger, da ich den nächsten Abschnitt ständig fast bis zu den Knien im Schlamm versinke. Durch den Regen der letzten Nacht ist der Boden extrem aufgeweicht.

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Mitten im Wald, auf einer fußballfeldgroßen, unebenen Fläche, gibt sich eine Lichtung auf. Die Fläche ist übersäht mit Bananenstauden. Wie ich erfahre, wird die Plantage von einem Indigenen, der in der Nähe lebt, alleine bewirtschaftet. Wir überqueren die Fläche und kämfpen uns weiter durch den Schlamm und den Wald. Jean und ich haben Schwierigkeiten Jess‘ Tempo mitzugehen, da wir ständig ausrutschen oder im Schlamm versinken, wenn wir nicht gerade steile Abschnitte auf oder hinabklettern. Nach knapp 1,5h stehen wir auf einer Anhöhe, von der aus wir den Fluss Arusì (der wie das Dorf heißt) sehen können. Endlich. Die letzten Meter abwärts zum Fluss sind nicht mehr so schwer. Hier ist die von Laub übersähte, goldbraune Erde nicht mehr so sumpfartig.

Mit dem chingo nach Arusì

Am Ufer wartet ein Bewohner Arusìs auf uns. Er wird uns in einem chingo flussabwärts bis an die Mündung des Flusses bringen. Ein chingo ist eine Art Kanu, dass aus einem bestimmten Baum gefertigt wird. Nur wenige Leute besitzen die Handwerkskunst, solche Fortbewebungsmittel zu bauen. Chingos können auch ohne Paddel gesteuert werden. Zum Lenken kann eine Lanze genutzt werden, mit der man sich vom Grund des Flusses abstoßt.

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Jess, Jean und ich setzen uns hintereinander in das sehr schmale Boot. Unser Fahrer steht hinter uns und stoßt das Boot vom Ufer ab. Der Strömung ist nicht sehr stark und es geht langsam voran. Auf diese Weise den Dschungel zu durchqueren ist um einiges angenehemer als der Marsch, den wir hinter uns haben. Abgeshen von den exotischen Vogelzwitschern ist es auffällig still. Wahrscheinlich fällt mir dies jetzt auf, weil ich mich schon an die Wellen und das Meeresrauschen in der eco-Lodge gewöhnt habe. Es geht weiter flussabwärts und wir beobachten das Flussufer in der Hoffnung, das eine oder andere Tier zu entdecken. Hin und wieder passieren wir Stromschnellen und müssen an einigen auch aussteigen, da dass chingo so sonst zu kentern droht. Nach knapp 20 Minuten ist der Fluss nicht mehr so breit wie zu Beginn. Auf der rechten Uferseite erscheint plötzlich eine gerodete Fläche, auf der eine auf Holzpfählen platzierte Hütte steht. Man sagt uns, dass hier der Indigene wohnt, der die Bananplanatge betreibt, welche wir vorher gesehen haben. Aus irgendeinem Grund hat er seinen Stamm vor einiger Zeit verlassen und lebt hier nun ganz alleine. Er spricht mittlerweile einige Wörter Spanisch, wird aber nur „Amigo“ genannt. – und so spricht er auch alle anderen an.

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Der Fluss wird immer enger, an einigen Stellen müssen wir den Ästen und dem Gestrüpp ausweichen. Wo dies nicht möglich ist, nehmen wir ungewollt weitere Passagiere in Form von Spinnen, Käfern oder Heuschrecken auf.  An manchen Stellen ist nicht ganz klar, wo das Ufer zu Ende ist, oder ob es sich durch den ganzen Dschungel zieht. Langsam nehme ich auch eine Veränderung in der Vegetation war. Wir scheinen uns dem Meer zu näheren, da wir nun links und rechts von Mangroven umgeben sind. An manchen Stellen scheint es auch links und rechts Abzweigungen zugeben. Aus einer Abzweigung taucht plötzlich ein weiteres chingo auf. Es ist der „Amigo“ der mit einem breiten Grinsen elegant sein Boot um unseres herum steuert. Wir grüßen ihn kurz und fahren weiter. Nach eingiger Zeit lichtet sich wieder Sicht. Nach dem wir eine Art See durchquert haben, wird der Fluss bis zu ca. 60m breit. Ich sehe nun links von uns einen sehr dichten Wald. Geradeaus und rechts eine sehr weite, flache Ebene mit dunkel-gelben Sand. Erst einige Momente später erkenne ich, dass dies der Strand ist und viele weiter dahintenrsich das Meer befindet. Es scheint eine gerade Ebbe zu sein und das Meer hat sich sehr weit zurückgezogen. Der Fluss fließt hier aber noch nicht ins Meer sondern macht eine rechts Kurve. Wir gehen hier an Land. Im Sand spielen einige Kinder, manche planchen im Fluss. Erwachsene sehe ich hier nicht. Ich schau mich um. Der Anblick ist wirklich beeindruckend, da ich jetzt festelle, dass sich bei Flut das Meer mit dem Fluss verbinden wird. Daher haben wir weiter flussaufwärts auch schon die Mangroven gesehen.

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Wir verabschieden uns von unserem „Bootsfahrer“ und nach dem wir einige Fotos gemacht haben, laufen wir den Strand in Richtung Norden hoch, da dort Arusì liegt. Nach einigen hundert Metern überqueren wir ein Feld, auf dem etwas Landwirtschaft betrieben wird und stehen danach im Dorf.

Arusì

Die wenigen Menschen, die hier in Arusì leben, können das Dorf nur in einem Boot verlassen. Ein Fußmarsch nach Nuqui würde am Strand entlang einen halben Tag dauern, durch den Dschungel wäre es ein mehrtägiges Abenteuer. Autos gibt es hier nicht. Die Stromversorgung erfolgt über Generatoren oder Solarenergie. Es ist recht still hier. Das Dorf und sein Charme unterscheidet sich so sehr von den Inseln und Küstengebieten die ich bisher auf meinen Reisen gesehen habe. Auch hier stehen einige Häuser auf Stelzen, anderen sieht man an, dass diese schon mal zum Teil überschwemmt wurden. Ich bin sicher, dass es hier regelmäßig Hochwasser gibt, da die Häuse nur einige Meter vom Strand entfernt stehen und es hier auch regelmäßig und ordentlich regenet. Wir sehen einige Kinder ein Fahrrad reparieren, andere Bewohner arbeiten an der Fassade ihrer Häuser oder kochen. Am zentralen Platz sehen wir einige Jugendliche in Schuluniform. Nach dem wir uns etwas das Dorf angeguckt haben setzen wir uns an den Strand. Hier sehe ich einen Mann in eines der kleinen Boote springen und aufs Meer paddeln. Nach ein paar Mintuen kommt er mit einem halben Dutzend Fischen zurück und verschwindet wieder zwischen den Häusern. Außerdem sehe ich einige Meter weiter eine große Gruppe von Menschen sitzen, die entweder in ihr Handy tippen oder telefonieren. Hier am Strand scheint es also eine Satellitenverbindung zur Außenwelt zu geben.

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Über die östliche Seite des Dorfes beginnen wir unseren Rückweg. Bevor wir das Dorf verlassen sehen wir noch, wie ein Bewohner gerade an der Fertigstellung eines chingo arbeitet. Es ist interessant, ihm dabei zusehen, aber leider müssen wir weiter.

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Wir schlagen einen anderen Weg eine als den, welchen wir gekommen sind. Hinter dem Dorf steigen wir in ein chingo ein und begeben und ins wieder in die Mangroven. Uns kommt ein chingo entgegen, indem nur 3 Kinder sitzen, welche alle unter 8 Jahren zu sein scheinen. Nach ca. einer halben Std. legen wir am Ufer an. Wir laufen einige hundert Meter und müssen feststellen, dass der gestrige Regen den eigentlich Pfad weggespült hat. Dadurch wird der Rückweg um einiges anstregender als der Hinweg. Wir kämpfen uns durch Knie hohen Schlamm und müssen einige Bäche durchqueren, bis sich die Bedingungen etwas besseren.

Ein tödlicher Winzling

Nach dem wir uns einige Meter einen steilen Abschnitt hochgekämpft haben, stoppt Jess uns und zeigt auf den matschigen Boden. Zwischen den Matsch und Laub erkenne ich die grellen orange-roten Muster auf dem Körper eines Pfeilgiftfrosches. Ich bin überrascht. Bisher habe wir nicht viele Tiere gesehen, aber dass liegt vor allem auch daran, dass Jess uns regelrecht durch den Wald hetzt. Und jetzt das! Diese Froschart gehört zu den giftigsten Tieren unseres Planeten! Indigene Völker nutzen das Hautgift der Frösche, um ihre Pfeile eine unmittelbare tödliche Wirkung zu verleihen. Der Tod kann dabei schon in wengier als 20 Minuten eintreten. Für die Aufnahme des Nervengiftes, dass dieser Frosch absondert, muss kein direkter Kontakt zum Blutkreislauf vorliegen. Das Gift kann auch über die Hautporen aufgenommen werden – also keines Falls anfassen!!! Ich mache schnell einige Fotos (aus sehr sicherer Entfernung) von dem Winzling und dann laufen wir weiter.

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Nach einem weiteren schwierigen Anstieg stehen wir plötzich auf einem Feld. Ich bin erleichtert, weil das Aufsteigen des Hügels durch dichtes Gestrüpp und den schlammigen Boden mir ganz schon zu schaffen gemacht hat. Allerdings kippt meine Stimmung schon bald als wir weitergehen, da der Regen in der letzen Nacht das Feld kaum passierbar gemacht hat. Es geht also auch hier nur schleppend voran.

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Nach dem wir das Feld passiert haben, geht es wieder tief in den Wald hinein. Es folgen nocheinmal sehr anstregende 15 Minuten und kurz bevor ich um eine Pause bitten will, stehen wir plötzlich hinter unserem Haus. Erleichtert verfliegt meine Müdigkeit. Noch in T-Shirt und Hose gönne ich mir eine eiskalte Dusche und genieße anschließend einen Teller Kokos-Reis mit frischem Fisch, Yucca und Bohnen.

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Den Nachmittag verbringe ich auf der Hängemätte. Ich habe zwar ein Buch dabei, aber es ist für mich fast unmöglich, meine Augen nicht auf das Meer zu richten. Das Wasser ist wieder mal sehr ruhig, und am Horizont lassen sich in unregelmäßigen Abständen Wale erkennen. Dies bestätigt mich in meinem Glauben, dass es Morgennachmittag endlich mit dem Walerlebnis klappen wird.

Am Abend vertreiben wir uns die Zeit mit Kartenspielen. Gegen kurz nach 9 geht es allerdings schon ins Bett. Der Tag war einfach zu anstregend.

Tag 4

Ich habe eine weitere laaaaange Nacht hinter mir – ich bin mehrmals aufgewacht und konnte wegen der Dunkelheit nicht einmal meine Hand vor Augen sehen. Durch die dicke Wolkendecke, die wir abends und nachts immer haben, kam kein Licht der Sterne oder des Monds zu uns durch. Nur einmal, als ich abends noch schnell duschen war und mich gewundert habe, dass ich den Weg zur Dusche ohne Taschenlampe zurücklegen konnte, wurde ich von dem klaren und starken Licht einiger Sterne überrascht. Da es hier hunderte Kilometer weit so gut wie keine Lichtverschmutzung gibt, stelle ich mir einen klaren Nachthimmel hier sehr beeindruckend vor.

Am Morgen kletter ich unter meinem Moskitonetz hervor. Das Bett macht keinen muffigen Eindruck, aber da es hier so feucht ist, sind Matratze und Bettlacken meist etwas feucht. Einige meiner Kleidungsstücke hängen seit dem ersten Tag auf der Wäscheleine und scheinen kein bischen getrocknet zu sein. Nur meine Sportswear trocknet schnell. Ich gehe runter zum Frühstück.

Jess hat Empanadas zubereitet, gefüllt mit Fisch und Reis. Mir schmeckt es, Jean allerdings vermisst das französiche Essen und erzählt, dass er nach seiner Ankunft in Frankreich unmittelbar das Haus seiner Mutter aufsuchen wird. Nach eine Tasse Ingwertee suche ich einige meiner Sachen zusammen. Da wir am kommenden Tag morgens für die Rückreise abgeholt werden, packe ich allmählich meinen Rucksack. Anschließend lese ich etwas. Gegen 10 Uhr unterhalte ich mich mit Juan. Während wir ab und zu aufs Meer schauen, fällt ihm etwas wichtiges auf. Das Kanu, welches ich am Nachmittag nutzen will, muss vorher wieder bei der „Nachbarin“ abgeholt werden. Das Problem ist, dass bis dahin die Flut vollständig eingestetzt haben wird und ihr Haus dann nicht erreicht werden kann. Nach dem er von der Terrasse mit seinem Bick den Strand überfolgen hat, teilt er mit, dass es knapp wird und ich sofort los müsse. Juan händigt mir eine Rettungsweste aus und betont nochmal, dass ich mich beeilen müsse, aber auf jeden Fall vorsichtig sein soll, da dass wasserumspülte Riff sehr glatt sein kann.

Bildschirmfoto 2018-09-15 um 14.51.48

Als ich unten am Strand ankomme, sehe ich, dass das die Wellen am Ende der Bucht bereits die Felsen umspülen, die dort teilweise den Sandstrand ersetzen. Dort angekommen, überquere ich vorsichtig die scharfen Kanten des Riffs. Mit jedem Schritt scheuche ich eine Vielzahl von Krabben auf, die sich pfeilschnell in den Spalten zwischen den Steinen verstecken. Obwohl ich mich beeilt habe merke ich nun, wie weit die Flut schon vorangeschritten ist. Von dem vom Wasser umspülten Riff erkenne ich zwischen einigen Bäumen die hölzerne Treppe, die zum Haus der Nachbarin führt. Die letzten 20 Meter balanziere ich nun vorsichtig im hüfthohen Wasser. Dabei versuche ich mein Gleichgewicht so gut wie möglich zu halten, ohne auf dem glatten, scharfen Kanten des Riffs hinzufallen. Geschafft.

Der Rückweg ist unbeschwerlich. Mit dem Kanu kann ich einfach zurück zum Strand vor der Lodge paddeln. Zurück in der Lodge ruhe ich mich in einer Hängematte aus und lese, bis es endlich Mittagessen gibt.

Zum Mittag gibt es sancocho de pescado, ein typisches kolumbianisches Gericht.  Es erinnert an eine Suppe. Zutaten sind unter anderem Kochbananen, Maniok, Koriander, Zwiebeln, Kartoffeln und Mais. Nicht zu vergessen der Fisch, der gerade hier an der Küste ausgezeichnet schmeckt.

Der 2. Versuch

Kurz nach dem Essen laufe ich wieder runter zum Strand. Ich schnappe mir das Kanu und starte meinen zweiten Versuch, Wale aus kürzester Distanz zu beobachten. Ohne Probleme überwinde ich die Wellen und paddel aufs offene Meer. Knapp 1,5km nördlich und 400m von der Küste entfernt, liegt eine Felsformation, an der regelmäßig Wale beobachtet werden. Ich begebe mich daher zuerst in diese Richtung. Nachdem ich eine Position erreicht habe, von der aus ich einen guten Blick auf die Felsen habe, bleib ich stehen und beobachte das Meer. An der Felsformation tut sich nichts. Ich suche den Horizont ab und sehe auch keine Anzeichen eines Wals. Ich habe keine Uhr dabei, aber warte mindestens eine Stunde. Die Mittagssonne brennt auf meinen Beinen, zum Glück habe ich ein Tshirt unter der Rettungsweste und einen Hut an. Ich bin geduldig, aber wunder mich, dass weit und breit kein einziger Wal zu sehen ist. Gerade nachmittags war an den vergangenen Tagen viel los. Zumindest eine Flosse oder eine Dampfwolke von der Atmung der Wale sollte doch irgendwo zu sehen sein!

Das Meer ist heute nicht ganz so ruhig, wie an den vergangenen Tagen. Ich werde etwas durchgeschüttelt und muss ständig meine Position korregieren. Ich entscheide mich, unmittelbar zwischen die Felsformation zu paddeln, in der Hoffnung, von dort aus etwas zu erkennen. Zwischen den Felsen verbringe ich sicherlich eine halbe Stunde, in der ich das Meer um mich herum absuche. Fehlanzeige.

Ich entschließe mich zurück zu paddeln, um auf der Höhe der Lodge weiter Ausschau zu halten. Jetzt, wo ich zurückblicke, nehme ich erst war, wie weit ich auf das Meer hinausgepaddelt bin. Ich bin ganz alleine auf dem Meer, Richtung Norden und Süden sehe ich bis zum Horizont die Küste, an die überall der Urwald unmittelbar angrenzt. Ein sehr eindrucksvoller Anblick. Während ich versuche, Richtung Süden zu paddeln, bemerke ich erst wie stark die Strömung ist. Ich komme zwar voran, muss aber kraftvoll und zügig paddeln. Dabei versuche ich die Umgebung im Auge zu behalten. Fast auf der Höhe der Eco-Lodge angekommen, nehme ich in Richtung des offenen Meers endlich das erste Anzeichen für einen Wal war. Ich sehe eine Dampfwolke, neben der 3-4 weitere auftauchen. Vom Gefühl her befinden sich diese aber am Ende des Horizonts. Ich paddel zwar in die Richtung, aber scheine nicht wirklich näher zukommen. Trotzdem freue ich mich, mein Puls steigt. Ich entschließe mich erst einmal an dieser Stelle zu bleiben, um zu beobachten, in welche Richtung die Wale schwimmen.  Gleichzeitig überlege ich, ob ich nicht doch versuchen sollte, näher heranzukommen, es erscheint mir aber einfach zu weit. Ich warte geduldig ab. Die Wale scheinen aber kein Stück näher zukommen, wie ich an der einen oder anderen Dampfwolke, welche die Wale beim atmen versprühen, feststelle. Während ich warte, versuche ich mit Meerwasser etwas meine Beine zu kühlen, die von den brennenden Sonnenstrahlen aufgehitzt sind. Mittlerweile sehe ich, dass die Gruppe Wale, welche sich am Horizont befindet, außerst aktiv ist. Ich sehe mehrmals die Silhouette eines Wals am Horizont, der mit seinem gesamten Körper aus dem Wasser springt. Es wäre ein Traum, so etwas aus unmittelbarer Nähe, von einem Kanu aus, beobachten zu können. Es sind vorallem Buckelwale, die sich hier vor der Pazifikküste Kolumbiens tummeln. Mit einer Länge von 13m bis 18m und eine Gewicht von bis zu 30t bin ich aber jetzt schon aus der Ferne schwer beeindruckt. Während ich weiter das Meer um mich herum absuche, stelle ich mir vor, wie eindrucksvoll es ist, dass diese Wale jährlich vom Südpolarmeer aufbrechen, um ihr vor der Küste Chocos, ihren Nachwuchs zur Welt zubringen. Das muss ein Weg von mehr als 6000km – 7000km sein…Plötzlich werde ich durch ein lautes Rauschen aus meinen Gedanken gerissen. Ich drehe mich um und sehe ca. 10m hinter mir den Rücken eines gewaltigen Wals, der gemächlich wieder im Meer verschwindet.  Ich bin verblüfft. Ich rege mich nicht. Ich hoffe, dass der Wal nicht so schnell wieder verschwindet wie er aufgetaucht ist. Dann blicke ich langsam nach rechts und dann nach links. Da. Jetzt sehe ich zwei schwarze, glatte, gummartige Rücken. Dann kann ich je eine Finne sehen und schließlich zwei Schwanzflossen. Eindrucksvoll. Ich bin beieindruckt und paddel ganz langsam und vorsichtig in die Richtung, in der ich die Wale gesehen habe und hoffe, dass diese nochmal auftauchen. Aber ich sehe nichts. Ich paddel schneller, aber leider werde ich diese beiden Wale nicht nochmal sehen. Während ich weiter auf das offene Meer schaue, fühle ich mich glücklich. Vor ca. zwei Jahren habe ich auf einer meiner viele to-do-Listen festgehalten, einmal Choco zu besuchen, um unter anderem Wale hier zusehen. Und jetzt habe ich meinen Traum verwirklicht. Und wie. Ich bin in einem 1-Personen Kanu einige hundert Meter auf das offene Meer gepaddelt und habe das große Privilig mit meinen eigenen Augen zusehen, wie einzigartig unsere Natur und unser Planet ist. Ich fühle mich als hätte ich etwas großes erreicht. In aller Ruhe und Zufriedenheit Blicke ich von Norden nach Süden über das Meer. Und da taucht in voller Pracht ca. 10m-15m von mir entfernt der Kopf eines Buckelwals auf. Während er abtaucht, kann ich nochmal eine großen Teil seines Körpers, bis zur Schwanzflosse, sehen. Ich verspüre keine Angst. Eher Respekt, Begeisterung und Zufriedenheit. Vorsichtig paddel ich in der Richtung des Wals. Einige Meter weiter taucht er wieder auf, ich versuche im langsam zu folgen. Nachdem er abtaucht, sehe ich Ihn aber leider nicht mehr.

Die Sonne scheint bald unterzugehen. Ich will eigentlich nicht zurück, aber da ich nicht einschätzen kann, wie schnell die Sonne untergehen wird, paddel ich in Richtung Ufer. Jetzt fällt mir ein weiteres mal auf, wie weit ich aufs offene Meer gepaddelt bin. Es ist eine interssante Erfahrung, weil man an Land immer irgendein Orientierungspunkt hat. Wenn man aber aufs offene Meer schaut und die Sicht durch kein Objekt unterbrochen wird, ist es äußerst schwer, Entferungen abzuschätzen. Die Strömung scheint zwar stark zu sein, aber dennoch scheine ich nun gut voran zukommen. Während ich weiter Richtung Strand fahre sehe ich, dass sich an der Felsformation, an der ich anfangs mein Glück versucht habe, zwei Boote befinden. Es scheinen Boote mit Touristen zu sein, die sich ebenfalls auf die Suche nach Walen gemacht haben. Diese Boote, mit Platz für ca. 15 Personen, kann man hier ab und zu beobachten. Da Choco noch nicht so touristisch erschlossen ist, sieht man am Tag vielleicht zwei bis drei Touren. Plötzlich steigt zwischen den beiden Booten ein enormer Körper auf, der mindestens so groß wie die Boote zu sein scheint. Ein gigantsicher Sprung von einem gigantischen Wal. Für einen Moment scheint der Buckelwal in der Luft zu stehen, ehe er mit seinem enormen Körper auf die Wasseroberfläche knallt und nur noch schäumendes, aufgewültes Wasser zurück bleibt. Begeistert von dem was ich gerade gesehen habe, ändere ich die Richtung des Kanus und paddel so schnell ich kann in der Richtung der Boote. Nach ein paar Minuten, fällt mir auf, dass es immer dunkler wird und ich nicht so gut vorankomme. Mir fälltes sehr schwer, aber ich entschließe mich dann doch wieder auf den Weg zum Strand zu machen. Von meinem Gefühl her bräuchte ich 15-20 Minuten, um zu den Felsen zukommen. Mich stört eher weniger, dass das Spektal dann wieder vorbei sein könnte, sondern eher, dass ich alleine auf einem Kanu ohne Licht den Rückweg antreten müsste. Ich blicke noch einmal auf das Meer und genieße den Moment. Zufrieden setze ich noch mal zum Rückweg an.

In der Lodge angekommen, kommt Juan mir schon entgegen. Ich erzähle ihm von meinem Erlebnis. Er lacht und erklärt mir, dass er mich ab und an beobachtet hat. Er erzählt mir auch, dass wohl auch einige Meter hinter mir, zwei Wale eine interessante Show abgezogen habe, mit Sprüngen aus dem Meer, ich es aber gar nicht mitbekommen habe. Ich kann mir nicht erklären, wie ich das nicht gemerkt habe und gehe grübelnd duschen.

Ohne Titel

Am kommenden Morgen werde ich mit Jean gemeinsam abreisen. Den letzten Abend verbringen wir gemeinsam am Essenstisch und reflektieren die vielen Ereignisse der letzten Tage. Ich bin Jess und Juan sehr dankbar für die letzten Tage. Vieles war fazinierend und neu und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich nie wieder hierherkommen werde. In dem schwachen Licht, dass die LEDs ausstrahlen, erkennt Jean eine Tarantula an der Decke der Küche. Wir leben hier ohne Fenster und ohne Türen, mit dem Meer vor dem Haus und einem tropischen Wald unmitterlbar hinter dem Haus. An der Reaktion von Juan und Jess schließe ich, dass die Tarantula in der Küche zu diesem Naturerlebnis dazugehört. Und wahrscheinlich ist dies auch eine weitere Erfahrung, die ich hier machen wollte.

Es folgt eine weitere Nacht, in der ich mehrmals aufwache. Es ist immer stock dunkel. Ich versuche den Moment aufzusaugen. Es ist angenehm warm, nicht so schwül wie die vergangenen Nächte.  Ich liege auf dem Rücken, mit dem Kopf Richtung Meer, mit den Füßen in Richtung des Dschungels.  Nur ein leichtes, dünnes Tuch bedeckt meinen Körper. Die Wellen brechen gleichmäßig am Meer. Das Getöse ist recht laut. Ich konzentriere mich auf die Geräusche in Richtung meiner Füße. Ich höre soviele verschiedene Laute auf einmal. Mir scheint es schier unmöglich, die Laute einzuordnen. In Kolumbien leben mit ca. 1.900 Arten die meisten Vogelarten. Wer weiß, wieviele von denen nachtaktiv sind. Dazu kommen noch unzählige andere Tiere und Insekten, die zu dieser fremden Geräuschkulisse beitragen. Von lautem eintönigen Klopfen, Rufen und Schreien, die fast schon an menschliche Laute erinnern und sirenenartigen Tönen, ist einfach alles dabei. Ich lausche gespannt. Dabei fällt mir eine Geschichte ein, die ich hier in den letzten Tagen mitbekommen habe. Hin und wieder suchen die Geister Verstorbener aus dem Dorf in der Nähe die Hütten dieser Lodge auf. Man bekommt die Geister nur selten zu sehen, aber das Knarren des aus Holzplatten bestehenden Bodens lässt sich angeblich deutlich vernehmen.

Tag 5

Ich wache auf. In der Küche wird bereits das Frühstück zubereitet, wie ich hören kann. Ich packe zügig meine letzten Sachen in den Rucksack und hoffe, dass sich keine blinden Passagiere zwischen meinen Klamotten versteckt haben. Meine Schuhe hatte ich seit dem Tag der Ankunft nicht mehr an und klopfe diese daher kräftig aus. Glücklicherweise hat es sich nichts und niemand in den Schuhe bequem gemacht.

Mein letztes Frühstück besteht aus Rührei mit Zwiebeln und ein paar Keksen. Als ich einen Schluck vom Tee trinke, spucke ich diesen direkt wieder aus. Der Tee schmeckt, als hätte man mein Anti-Moskito-Spray mit etwas Zucker gemischt. Jess, der die Gelegenheit unserer Rückkehr nach Nuqui nutzt, um eine paar Erledigungen in der Stadt zu machen, wird schnell schlecht auf dem Meer. Daher hat er aus einer bestimmten Planze ein Getränk gekocht, dass der Übelkeit im Voraus entgegenwirken soll. Und dieses Getränk schmecht genauso, wie mein Anti-Moskito-Spray riecht. Da mir hin und wieder auf dem offenen Meer auch schlecht wird, versuche ich ein paar Schlücke runterzubekommen. Nachdem ich mit dem Frühstück fertig bin, will ich meine Teller und Besteck spülen. Wie die letzten Tage fällt mir auch heute wieder auf, das Kakerlaken hier anscheinend von Krabben „ersetzt“ werden 😉 Immer, wenn ich den Küchenbereich betrete, sehe ich, wie kleine Krabben sich schnell aus dem Staub machen. Wartet man lang genung, kommen die Krabben wieder hervor, um an der Spüle und auf den Brettern vor der Arbeitsplatte nach kleinsten Essensresten zu suchen.

Pünktlich um 8Uhr taucht in der Bucht vor der Eco-Lodge ein Motorboot auf, das Kurs auf unseren Strand nimmt. Nach einer herzlichen Verabschiedung von Juan brechen Jess, Jean und ich in Richtung Ufer auf. Während wir die Trepppen zum Strand runter gehen fällt mir die Geschichte ein, die Juan vor einigen Tagen erzählt hat. Vor ein paar Wochen wurde ein Gast an einem Morgen abgeholt, an dem das Meer sehr unruhig war und der Wellengang recht hoch. Beim Versuch, an den Strand zu gelangen, ist das Boot allerdings gekenternt. Alle versuchten damals zu helfen. Juan hat sich dabei eine Verletzung zugezogen und Jess hat sein Handy verloren. Das ist auch der Grund, wieso Jess heute mit mir und Jean nach Nuqui aufbricht. Jess will sich nämlich in Nuqui unter anderem ein neues Telefon besorgen. Heute sind die Wellen etwas größer, als an den vergangenen Tagen, bedrohlich sieht es meiner Meinung nach aber nicht aus.

Und so ist es auch. Ohne Probleme steigen wir ins Motorboot. Die Wellen, die uns hier am Strand entgegenkommen, passieren wir problemlos. Nach einigen Augenblicken verlassen wir die Bucht, in der ich die letzten Tage verbracht habe. Ich blicke zurück mit Wehmut. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt und mit meinem Aufenthalt tatsächlich einen meiner Träume erfüllen können. Umso näher die Reise rückte, umso mehr Zweifel kamen auf. Viele Fragen und Bedenken, wieso ich so eine Reise auf mich nehme. Genau erklären kann ich es nicht, aber jeder Moment hier hat mir sehr viel gegeben und diese Erfahrung kann mir keiner nehmen. Solche Erfahrungen möchte ich in meinem Leben machen. Solche Erfahrung sind mir soviel mehr Wert, als alles materielle, in dass ich alternativ investieren könnte. Und noch etwas habe ich gelernt. Wenn man etwas machen will, eine Traum hat, ein Verlangen oder Bedürfniss und sich damit beschäftigt und manifestiert, dann kann man dies auch verwirklichen. So wie vieles anderes auf meiner Reise und wie diese Reise selbst. Es ist nicht einfach, aber wenn man den Schmerz der Überwindung eingeht, erhält man eine Prämie, die wahrhaftig glücklich macht.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, prescht das Boot über das Meer in Richtung Nuqui. Ich weiß nicht, ob ich in meinem Leben nocheinmal hierkommen werde. Daher versuche ich, diesen Moment einzuprägen. Die Wärme, die Feuchte, die Gerüche, die endlos scheinenden Wälder, die Dichte Wolkendecke über den Bäumen, das dunkle, ruhige Meer. Ich mach das eine und andere Foto, aber es ist schier unmöglich, die Atmosphäre einzufangen.

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Als wir in Nuqui ankommen, scheint sich meine innere Uhr wieder an die „Zivilisation“ anzupassen und sich zu beschleunigen, da jetzt alles ganz schnell geht. Jean und ich verlieren Jess aus den Augen und konnten uns leider gar nicht richtig verabschieden. Am Flughafen können wir direkt einchecken, weil der Flughafen oder das Flugzeug so klein ist, erhalten wir aber nicht mal Flugtickets. Unser Name wird lediglich auf eine Liste eingetragen. Die Sicherheitskontrolle verläuft auch zügig. Mein Rucksack wird kurz durchwühlt, eine Körperscann bzw. Abtastung gibt es aber nicht.

Und so wie die Reise begonnen hat, endet diese auch, nämlich mit Warten vor dem Gate eines Flughafens.

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